Gratwanderung geht weiter

Die zuletzt publizierten Konjunktur-Daten zeigen auf, dass sich die Wirtschaft derzeit nicht derart stark entwickelt, wie dies von vielen Analysten und Investoren prognostiziert bzw. erhofft wurde. Die Wirtschaft in den USA ist im letzten Quartal des Jahres 2012 sogar leicht geschrumpft. Anstelle eines gemäss Konsens geschätzten Wachstums von 1.1% wurde ein Rückgang des BIP um 0.1% ausgewiesen.

Schrumpfende Wirtschaft – unerwartet?
Zwei Effekte haben massgeblich dazu beigetragen. Einerseits legte der Wirbelsturm Sandy die Region um New York für mehrere Tage still. Andererseits hat die Unsicherheit um das Thema „Fiscal Cliff“ tiefe Spuren im Vertrauen der Unternehmer und Konsumenten hinterlassen, weshalb Aufträge und Einkäufe während der Jahresendphase bis auf weiteres aufgeschoben wurden und somit für weniger Wirtschaftsleistung sorgten.
Auch die englische Konjunktur ist im selben Quartal stärker als erwartet um 0.3% geschrumpft (erwartet -0.1%). Anzeichen, die in  dieselbe Richtung hindeuten, gibt es aus den peripheren Euro-Ländern wie Spanien und Italien, evtl. auch Frankreich.

Positive Stimmung bei Unternehmen
Bestimmt gab es insbesondere im Laufe der letzten Woche einige erfreuliche Indikatoren, die eigentlich positiv stimmen sollten. So zeigen Frühindikatoren von der Unternehmensseite positive Signale. In Deutschland ist der ZEW Economic Sentiment Index sprunghaft auf 31.5 Punkte angestiegen (zuvor 6.9, erwartet 12.2). Dies zeigt die Umfrage bei 275 institutionellen Investoren und Analysten, deren Stimmung sowie Ausblick für die wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der nächsten 6 Monate. Ebenso der Deutsche Ifo Business Climate Index war überraschend stark mit 104.2 (erwartet 103.1). Dabei werden 7’000 Unternehmer innerhalb Deutschland über die derzeitigen Business Konditionen befragt. Ein Wert über 100 deutet auf ein Wachstumsszenario hin. Auch China vermeldete in derselben Woche positive Konjunkturdaten in Form des PMI von 51.9, zuletzt 51.5. Ebenso in den USA war der Indikator mit 56.1 (54.0) höher als erwartet, 53.2, publiziert worden. Ein ähnliches Bild ergab sich beim heute publizierten PMI für die Region Chicago mit 55.6 (erwartet 51.1).

Massnahmen der Zentralbanken – je länger je mehr wirkungslos
In Europa war es für Italien und Spanien möglich sich an den Märkten, für so günstige Konditionen wie schon seit längerem nicht mehr, neues Geld zu beschaffen. Hier macht sich die derzeitige, zumindest vorübergehende Entspannung und das Einwirken der EZB mit Bondkäufen bemerkbar.
Generell ziehen die Zentralbanken sämtliche Register, um der Wirtschaft wieder Schwung zu verleihen. Gestern verkündete das Fed beim regulären Meeting, dass die im Dezember beschlossenen geldpolitischen Massnahmen fortgesetzt werden: Aufkauf von Anleihen in der Höhen von USD 85 Mrd. pro Monat und Beibehaltung des tiefen Zinsniveaus von 0.0% – 0.25% auf längere Zeit, bis die Arbeitslosenquote unter die Marke von 6.5% (derzeit bei 7.8%) fällt.
Auch die Zentralbank von Japan, Bank of Japan (BoJ), lässt mit geldpolitischen Massnahmen nichts unversucht, einerseits Liquidität in den Markt zu pumpen, andererseits mit gezielter Schwächung des Yens, der japanischen Wirtschaft endlich wieder Wachstum zu verleihen.
Mit ihren Massnahmen haben die Zentralbanken zumindest in einer ersten Phase die Märkte beruhigen können. Das eigentliche Ziel wurde jedoch bisweilen nicht erreicht. Das Geld sollte nämlich in Form von Krediten und Investitionen via Unternehmen in den Wirtschaftskreislauf gelangen. Zumindest sorgten die einzelnen Ankündigungen für steigende Kurse bei riskanteren Anlagen wie Aktien. Zuletzt war der Einfluss jedoch sehr klein bzw. die Wirkung verpufft unterdessen. (vgl. hierzu demnächst folgender Beitrag)

Arbeitsmarkt bleibt anfällig
Die Entwicklung des Arbeitsmarktes zeigt auf, dass insbesondere in den USA, wo derzeit derart viel Geld gedruckt wird, die Massnahmen nicht wie gewünscht greifen. Die Erstanträge bei den Arbeitslosen gingen zwar in den ersten Wochen des Monats Januar stark zurück bevor die Zahl in der letzten Woche nun wieder auf das übliche Niveau angestiegen ist. Der Effekt zu Beginn des Jahres war stark saisonal beeinflusst.
In Europa zeigt sich ein anhaltend negativer Trend. In Spanien ist die Arbeitslosenquote auf einen neuen Rekord von 26% gestiegen. Eine Trendwende in den anderen Euro-Ländern ist nicht erkennbar.

Der Konsument – die wichtigste Säule fehlt
Für eine mittelfristig bis langfristig stabile Erholung fehlt weiterhin die Unterstützung von Seiten der Konsumenten. Aus sämtlichen Ländern wird eine starke Zurückhaltung und eine sich weitere eintrübende Konsumentenstimmung gemeldet. In den USA sank der Barometer für das Konsumentenvertrauen auf 58.6 (erwartet 64.8, zuletzt 66.7) einen derart tiefen Wert wie zuletzt im November 2011. Gerade im wichtigen Weihnachtsgeschäft hielten sich die Endverbraucher stark zurück wie der nur leichte Anstieg der persönlichen Ausgaben um 0.2% zeigt.
Auch in Europa ist und bleibt mit der Zunahme der Arbeitslosenzahlen die Stimmung der Konsumenten eingetrübt wie auch hier die publizierten Indikatoren aufzeigen. In den meisten Ländern bringt der Konsum einen Anteil von einem Drittel oder mehr an der gesamten Wirtschaftsleistung. Bleibt der Konsument weiterhin an der Seitenlinie, fehlt eine wichtige Säule in der Förderung des Wirtschaftswachstums. Die ungelösten Fragen bei der Schuldenproblematik und die hohen Arbeitslosenzahlen bleiben auch in diesem Bereich die entscheidenden Faktoren für die zukünftige Entwicklung. Und solange die Notenbanken die Zinsen tief halten, ist es für den Konsumenten schwierig an eine bessere Zukunft zu glauben.

Fazit
Gelingt es nicht die positive Stimmung der Unternehmen zu halten und auf die Konsumenten zu übertragen und diese gleichzeitig zum Konsumieren anzuregen, wird das Szenario einer mittel- bis längerfristigen Erholung der globalen Wirtschaft unwahrscheinlicher.
Die Aktienmärkte reagierten überraschend stark auf einzelne kurzfristig positive Anzeichen. So erreichten gewisse Indizes neue Höchststände innerhalb der letzten fünf Jahre. Gleichzeitig haben sich auch die Zinsen von ihren Tiefstständen etwas entfernt.
Die Preise enthalten derzeit viel Optimismus. Nun gibt es erste Anzeichen, das in der Realität die Entwicklung der Wirtschaft weitaus weniger stark vorankommt als dies von Analysten prognostiziert wurde. In vergangen Beiträgen hier auf ETFMandate wurde darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Wirtschaft und die Auswirkungen u.a. der Fiskalklippe von Analysten und Investoren wohl zu optimistisch eingeschätzt wurde. Wird dieser Eindruck in den nächsten Tagen und Wochen bestätigt, sind rasche Rückschläge möglich. Somit bleibt die Empfehlung bestehen sich mit Stop Limiten auf negative Kursschwankungen abzusichern und bei starken positiven Bewegungen einzelne Aktien-Positionen vorübergehend zu reduzieren.

Weshalb Banken und ihre Analysten derart Aktien pushen und sie die Privatanleger seit ende letzten Jahres zu überzeugen versuchen weiter in Aktien zu investieren, könnte auch andere Gründe als nur der positive Ausblick haben. Dazu wird demnächst in einem weiteren Kommentar eingegangen.

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