Korrektur voraus? Folgt bald der grosse „Ever“-Schock?

Im Jahr 2021 sorgten, nebst dem allgegenwärtigen Thema der Corona-Pandemie, unter anderem die Ereignisse rund um die beiden „Ever’s“ kurzzeitig für Unruhen an den internationalen Finanzmärkten.
Just zum Jahresstart taucht einer dieser Ever’s mit potenzieller Brisanz wieder in den Schlagzeilen auf. Gerade aktuell, zum ersten Handelstag an den internationalen Finanzmärkten im Jahre 2022, melden die Medien vor wenigen Stunden, dass die Aktien von Evergrande an der Börse in Hong Kong erneut vom Handel ausgesetzt wurden. Der Grund ist bisher noch nicht bekannt. Das Unternehmen wird wohl in Kürze Informationen publizieren. Vorerst reagierten die Finanzmärkte nicht oder gelassen auf die News, wobei einige Börsen heute noch Feiertagsbedingt geschlossen sind.

„Ever“ wie Evergrande und China

Bereits im Oktober 2021 waren die Titel vom Handel ausgesetzt als der Immobilien-Riese Evergrande für einen der „Ever“-Schocks sorgte. Das hochverschuldete, in China angesiedelte Unternehmen kam in Zahlungsschwierigkeiten und scheint nicht in der Lage zu sein sämtliche zugesagten Häuser und Wohnungen fertigzustellen. Die Schulden des Bauentwicklers belaufen sich auf rund USD 300 Milliarden. Davon stammen rund USD 19 Milliarden Schulden aus ausländischen Anleihen. Im Dezember konnte das Unternehmen eine Zinszahlung von USD 82.5 Millionen nicht begleichen.
Ob der Immobilien-Riese Evergrande sich jemals aus der Schlinge ziehen kann, ist höchst ungewiss. Das Unternehmen ist abhängig von seinen Investoren, ob sie sich bereit erklären, gewisse Verluste zu tragen, nötigenfalls das Unternehmen mit einer grossen Menge an frischem Kapital auszustatten, notfalls vielleicht sogar gestützt durch den chinesischen Staat um einen potenziellen Kollaps des gesamten Immobiliensektors zu verhindern. Zusammen mit Evergrande könnten nämlich auch weitere Immobilien Unternehmen in Schieflage geraten, ausgelöst durch das schwindende Vertrauen der Investoren. Das Risiko eines Spillover Effekts auf das ganze Finanz- und Bankensystems und somit auf die ganze chinesische Wirtschaft gilt es zu vermeiden. Der Immobilien-Sektor generiert immerhin rund einen Viertel des chinesischen Bruttoinlandproduktes. Wäre die Regierung dazu bereit den ohnehin überhitzten Immobilien-Sektor zu stützen oder allenfalls die negativen Konsequenzen zu tragen?

Unabhängig des weiteren Ausgangs von Evergrande bleibt China aus verschiedenen Gründen vorerst eine gewisse Blackbox. Zum einen, ist es der Immobilien-Sektor, der wie die Aktualität aufzeigt, auch dieses Jahr gewisse Risiken für diese Region birgt. Zum anderen erfolgten während der letzten Monate immer wieder überraschend Eingriffe der chinesischen Regierung bei Unternehmen mit einer gewissen Grösse und Marktmacht wie zum Beispiel bei Alibaba. Jack Ma, der Gründer dieses Unternehmens, verschwand nach Kritik der chinesischen Regierung urplötzlich und tauchte erst Wochen danach wieder auf.
Mit einem solchen Vorgehen setzt die Regierung das Vertrauen der Investoren immer wieder aufs Neue auf den Prüfstein. Darunter leiden insgesamt die Aktienkurse chinesischer Unternehmen deutlich. Insbesondere auch jene, die an ausländischen Börsen wie zum Beispiel in den USA kotiert sind, aufgrund aufkommender Gerüchte einer möglichen Dekotierung an diesen Märkten gelisteter Unternehmen.

„Ever“ wie Ever Given

Für den zweiten „Ever“-Schock im letzten Jahr sorgte eines der weltweit grössten Frachtschiffe. Das mit fast 20’000 Containern beladene Schiff Ever Given blockierte im März 2021 für 6 Tage den Suezkanal und sorgte somit für einen Unterbruch der Lieferketten, insbesondere von Ost nach West. Für die europäische Wirtschaft und Unternehmen, die in den vergangenen Jahren ihre Liefer- und Produktionsprozesse bis zum äussersten optimierten, um so eine kostspielige Lagerhaltung zu umgehen, ein kurzfristig kleiner Schock und eine Herausforderung, die sonst schon durch die Pandemie angespannten Lieferengpässe zu managen. In Europa gingen manche Produkte aus, in China fehlten die leeren Container für eine Wiederbeladung. Nachfrageüberhang, höhere Frachtkosten ausgelöst durch fehlende Kapazitäten und höhere Energiepreise, ein guter Nährboden für ein inflationäres Umfeld.

Ende des Superzyklus?

Nicht nur das «Ever» haben diese beiden Ereignisse gemeinsam. Beide Events tauchten plötzlich und unerwartet auf. Es sind solche Events, die bei den Investoren die entscheidende Frage aufwerfen, ob dies nun das Ende des vor gut einem Jahrzehnt begonnen wirtschaftlichen Superzyklus einleiten könnte.
Die Folge, ein rasches Hochschnellen des Pulses und Nervosität bei Investoren aufgrund dieser Unsicherheiten. Dies ist normalerweise kein guter Nährboden für positive Aktienkurse. Hedge Funds wissen gezielt mit solchen Situationen umzugehen, verstärken mit ihren Wetten auf sinkende Märkte den Abgabedruck, weshalb wir in solchen Szenarien kurzfristig starke Ausschläge sowohl der Aktienkurse nach unten wie auch bei der Volatilität beobachten können. Zuletzt war das wirtschaftliche Umfeld und Finanzsystem stabil genug einen solchen kleineren Schock aufzufangen. In der Folge reagierten die Märkte rasch mit einer Gegenbewegung. Kurze Zeit danach erreichten gewisse Indizes immer wieder neue Höchstmarken.

Eine weitere gewichtige Rolle spielen die Zentralbanken, welche unter anderem mit ihren geldpolitischen Entscheiden und Massnahme zur Stabilisierung der Wirtschaft, diesen Superzyklus der letzten Jahre einleiteten und über die Jahre unterstützten. Die Herausforderung ist es nun, die über das letzte Jahrzehnt eingeschossene Liquidität langsam und ohne grosse Nebengeräusche aus den Märkten abzuziehen, um so einerseits eine mögliche Überhitzung des Systems, andererseits einen kapitalen Absturz der Märkte zu vermeiden. Die Lösungsansätze sind vorhanden, jedoch deren Umsetzung und Zeitplan ungewiss. Die amerikanische Zentralbank Fed hat erste Massnahmen in diese Richtung beschlossen und kommuniziert. Die Europäische Zentralbank EZB und weitere Zentralbanken werden hier noch zuwarten.
Diese Ausgangslage birgt natürlich einige Risiken, und könnte stets von neuem für Unsicherheiten sorgen und somit neue Nervosität bei Investoren auslösen.

Eine weitere Herausforderung in diesem Jahr werden die Lieferengpässe bleiben, welche für weiterhin, jedoch vorübergehend für inflationären Druck sorgen. Unternehmen mussten aufgrund fehlender Teile ihre Produktionen drosseln und Kunden mit der Auslieferung ihrer Produkte vertrösten. Automobilhersteller zum Beispiel leiden seit einigen Monaten bereits unter dem weiterhin vorherrschenden Chipmangel. Unternehmen beginnen deshalb ihre «just in time» Produktionsprozesse umzustellen und wie früher gewisse Produktkomponente in ihren Lagern aufzustocken. Damit wollen sie solche Einschränkungen in ihrem Businesszweig in Zukunft aus dem Weg schaffen. Dies sorgt jedoch zusätzlich für einen kurzfristig anhaltenden Nachfrage-Überhang und erhöht überdies den Druck auf die aktuell vorherrschenden Lieferengpässe.

„Mein“ Portfolio

Je nach Ausgangspositionierung in einem Portfolio eines Anlegers, können abhängig von Ereignissen, Newsflows etc. Massahmen und Änderungen in der Positionierung vorgenommen werden, stets der entsprechenden Situation angepasst. Gibt es Anzeichen einer kurzfristig aufkommenden Unsicherheit, ist eine Reduktion der Risiken, meist Verkauf von Aktien, nicht unbedingt der geeignetste Weg für einen langfristig gute Performance.
Solche und viele weitere Themen der Anlagethematik werde ich im Laufe der Zeit hier aufzeigen. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass es nicht nur das eine, richtige Portfolio gibt. Dieses ist stets an den Bedürfnissen des Anlegers und aktuellen Ereignisse auszurichten.

Sollte Evergrande in Kürze Klarheit über den weiteren Ausgang schaffen und ist man in seinem Portfolio noch nicht in China investiert, könnte das derzeitige Umfeld für ein langfristige Positionierung genutzt werden, mit einer selektiv ersten Tranche als Einstieg. Chinesische Leitindizes gehörten im Jahr 2021 zu jenen mit der schlechtesten Performance. Obgenannte Ereignisse und Faktoren haben dafür gesorgt, dass Investoren ihr Exposure in dieser Region in Vergangenheit eher reduzierten.
Jedoch weist die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt mit eine BIP von rund USD 15 Billionen und mit aktuell rund 5%, weiterhin einer der grössten Wachstumsraten auf. Davon profitiert ein Grossteil der chinesischen Unternehmen und somit auch ihre Aktionäre. Es gilt jedoch die zu beachten, dass gewisse Produktionsaufträge zukünftig weg von China in andere Regionen verlagert werden. Faktoren sind einerseits die über die Jahre hinweg gestiegenen Produktionskosten aufgrund steigender Löhne und Energiepreise. Andererseits könnten global aufgestellte Unternehmen bestrebt sein, ihre Abhängigkeit von China etwas zu reduzieren.
Viele dieser potenziell negativen Szenarien sind bereits heute in Kursen chinesischer Titel enthalten. Dies vermindert einerseits die Risiken von grösseren Rückschlägen und lässt andererseits Raum für positive Überraschungen.

Der Januar gehört grundsätzlich zu einem der besten Börsenmonaten. Auch für 2022 stehen die Zeichen grundsätzlich auf positive Performance für den ersten Börsenmonat des Jahres. Es gilt jedoch neu aufkommende und entscheidende News wie jene von Evergrande für eine weitere Beurteilung kurzfristig abzuwarten.
Nicht voraussehbare Ereignisse, die im grösseren Stil auf Makroökonomischer Ebene für eine neue Ausgangslage sorgen könnten, gilt es jeweils zu analysieren und die mögliche Reaktion der Investoren abzuschätzen, um danach die richtigen Schlüsse zu ziehen und entsprechenden Investmententscheide zu fällen.

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